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Gelesen: Friedrich Ebert (von Peter-Christian Witt)
Dieses Werk ist neben dem geschichtswissenschaftlichen Mammutwerk von Walter Mühlhausen, das ebenfalls im Dietz-Verlag erscheint, das einzige, noch verlegte Überblickswerk zu Friedrich Ebert. Das erstaunt ein wenig, schließlich liegt die Deutungshoheit über den durchaus umstrittenen ersten Reichskanzler der Weimarer Republik damit ausschließlich bei einem Verlag, der im Besitz der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung ist.

Es verwundert daher nicht, dass dies keine kritische Betrachtung des Wirken Eberts ist. Überraschenderweise ist es aber auch keine reine Lobpreisung. Der Autor legt stattdessen großen Wert auf die biographischen und politischen Wurzeln Eberts. Der Zeit bis 1918 widmet er die Hälfte des Buches. Das ist überwiegend interessant und spannend. Eberts Zeit als Wirt in Bremen, seine Gewerkschafts- und Parteiaktivitäten sowie seine ersten Studien sind Details, die mir zuvor nicht geläufig waren.

In der zweiten Hälfte über Eberts Wirken während der Novemberrevolution sowie seiner Jahre als Reichspräsident bemüht sich der Autor um einen differenzierten Ton. Dabei lässt sich jedoch nicht verhehlen, dass Witt immer bemüht ist, Eberts Position nachvollziehbar zu machen. So macht er deutlich, dass Ebert als Verteidiger eines parlamentarischen Systems gar keine andere Wahl hatte, als sich gegen linksradikale Kräfte zu stellen und dass das 1918/19 nur mithilfe der Armee ging. Gleichzeitig verschweigt Witt jedoch nicht, dass sich Eberts Pläne in vielen Punkten nicht erfüllt haben und die von ihm erhoffte Republikanisierung vor allem der Armee nicht gelang.

In diesem Abschnitt beschreibt Witt nicht nur das Handeln Eberts, sondern skizziert darüber hinaus die jeweiligen Reichsregierungen, die aktuellen politischen Diskussionen und das Verhalten der SPD in den Jahren 1918 bis 1925. Dadurch wirkt der zweite Abschnitt sehr überladen. Außerdem dreht sich nicht mehr alles um Ebert selbst, wie es in der ersten Hälfte des Buches noch der Fall ist. Das ist schade, denn nach der neutralen Beschreibung von Eberts Lebensweg ist man nun auf die Wertungen des Autors angewiesen. Der gibt mal den Sozialdemokraten, mal den bürgerlichen Parteien die Schuld daran, dass Eberts Kompromissstrategie letztendlich scheiterte. Andererseits wäre Eberts wirken ohne einen Rückgriff auf die ihn umgebende Politik nicht zu verstehen.

Dennoch hätte es dem Buch gut getan, wäre der zweite Abschnitt noch ausführlicher. Es bleibt dem Autor genügend Raum, um immer wieder darauf hinzuweisen, dass Ebert alles Erdenkliche tat, um für eine kompromissbereite politische Kultur zu sorgen. Das Projekt scheiterte, Ebert sah sich am Ende aufgrund seiner Kompromisstrategie politischen Angriffen aus dem eigenen Lager ausgesetzt und erlag schließlich einer verschleppten Blinddarmentzündung.

Witts Buch, das im Fließtext der Lesbarkeit wegen selten mit Quellen arbeitet und diese lieber an das Ende des Kapitels stellt, gibt einen guten Überblick über das Leben Eberts, seinen Taten und Handlungsmöglichkeiten während seiner Präsidentschaft und seiner Bewertung durch Zeitgenossen. Das geschieht überraschend differenziert, wobei im Zweifel eher dem Umfeld und auch der SPD als Ebert die Schuld an dem Misslingen seiner Bemühungen um eine soziale Demokratie gegeben wird. Die ausgewogene Bewertung und die Details aus Eberts Leben vor Präsidentschaftszeit machen das Buch lesenswert.

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