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In Zeiten des abnehmenden Lichts (von Eugen Ruge)

"In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist ein großartiger, vielschichter Familienroman. Die einzelnen Szenen liegen häufig mehrere Jahre auseinander. Dadurch bleiben viele Lücken zurück, die der Leser sich selbst erschließen muss. Jede Szene wird strikt aus der Sicht eines einzelnen Charakters erzählt. Doch obwohl die Ereignisse nicht linear geschildert werden, fühlt man sich jedem Familienmitglied nach wenigen Zeilen sehr nah.
Der Roman erweckt dabei den Eindruck, ein "normales" Bild der DDR zu schildern. Das ist natürlich schwierig zu beurteilen, wenn man den DDR-Alltag nicht selbst erlebt hat. Da der Autor jedoch selbst in der DDR aufwuchs und wie Alexander kurz vor der Wende floh, dürften einige authentische Merkmale in dem Roman enthalten sein. Außerdem erweckt der Roman einen differenzierten Eindruck, da er sowohl glühende Regimeanhänger (Willhelm), Mitläufer mit stummer kritischer Einstellung (Alexanders Vater) als auch Kritiker (Alexander) darstellt.
Dabei werden ernste und in der Öffentlichkeit noch immer unbekannte Themen in beeindruckender Einfachheit erzählt. Die Familie besteht nämlich nicht nur aus starken männlichen Persönlichkeiten, sondern auch aus eben so starken weiblichen Familienmitgliedern. In allen Fällen ist es jedoch so, dass die Männer die Anerkennung und die Karriere machen, während die Frauen zurückbleiben. Gleichzeitig müssen sie die ganze Zeit das Lob über die ach so emanzipierte DDR über sich ergehen lassen. Dabei ist sich vor allem die Großmutter Charlotte dieser widersprüchlichen Dialektik bewusst. Sie ist auch die einzige, die zwar eine steile Karriere im Wissenschaftsbetrieb macht, aber dennoch immer hinter ihrem im Berfusleben versagenden Mann zurückstecken muss, der als Parteifunktionär viel mehr Anerkennung findet als sie, die doppelte Arbeit (Wissenschaft und Haushalt) leisten muss. Sie ist darüber sehr verbittert, würde es jedoch nie laut äußern, da sie von der kommunistischen Ideologie sehr eingenommen ist. Dennoch wird im Laufe des Romans deutlich, dass sie zunehmend verbittert. Dass jedes männliche Familienmitglied notorisch untreu zu sein scheint, ist der einzige Punkt, der in dem Roman etwas übertrieben wirkt. Er unterstreicht die Ungerechtigkeit, die den Frauen geschieht jedoch noch.
Alle Charaktere erleben die Sinnlosigkeit des DDR-Staates an bestimmten Punkten. Und zum Schluss erkennen dies auch alle, selbst wenn sie es nach außen nicht wahrhaben wollen. Lediglich der Großvater Willhelm, ein großer Egozentriker, hetzt noch wenige Momente vor seinem Tod gegen angebliche Verräter am Sozialismus.
Obwohl der Roman an vielen Stellen amüsant ist, weil er zum Beispiel im DDR-Alltag oder in Familienbegegnungen skurile Situationen herausarbeitet, bleibt er doch eine Familientragödie. Denn glücklich ist in der Familie niemand. Untereinander gelingt es den Familien nicht, ein verständnisvolles Verhältnis zueinander aufzubauen, was in erster Linie daran liegt, dass die Lebenserfahrungen enorm unterschiedlich sind. Die stärksten und berührendsten Szenen des Romans sind daher auch die, an denen der gerade "erzählte" Charakter ein anderes Familienmitglied einfach nicht verstehen kann, sich jedoch nicht in der Lage sieht, mit diesem darüber zu reden.
"In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist die Geschichte einer Familie, die sich mit jeder Generation weiter von einer Ideologie entfernt, nie zusammenfindet und in der letztendlich jeder alleine unglücklich ist. Das ist auf berührende, teils skurrile aber immer authentisch wirkende Art erzählt und fesselt daher von Anfang bis Ende.
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