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Mittwoch, 23. Mai 2012
Gesehen: Even the Rain


Sebastián und Costa drehen einen Film über einen Chrstioph Kolumbus, in dem sie sich mit den negativen Folgen der spanischen Kolonisierung und des europäischen Goldrausches auseinandersetzen. Die Spanier drehen in Bolivien, da es dort am günstigsten ist.
Bereits das geplante offene Castin gerät aus dem Ruder, zu viele Bewerber tauchen auf. Dennoch werden alle überprüft, der Film nimmt Fahrt auf. Besonders Sebastián ist von der Wirkung des Films sehr überzeugt, der der ganzen Welt vor Augen führen soll, wie schlecht die Europäer die Indios behandelt haben.
Was dem europäischen Team dabei zunächst gar nicht auffällt: Sie nutzen selbst Indios aus. Und sie verschließen die Augen vor dem Leid der Indios, deren Wasserpreise gerade aufgrund einer Privatisierung um 300 Prozent gestiegen sind. Ein gewalttätiger Konflikt bahnt sich an.

Der Film stellt die Doppelmoral mit der zum Beispiel Westeuropäer oft an ihr koloniales Erbe herangehen, wunderbar dar. Natürlich weiß man über das Unrecht, dass man angerichtet hat, Bescheid. Dennoch gelingt es häufig, die noch immer herrschenden, ungerechten Verhältnisse auszublenden.

Der idealistische Regisseur Sebastián scheint zunächst am ehesten für die Probleme der Indios offen zu sein. Sein Produzent Costas hält ihn regelmäßig zurück, damit der Film reibungslos produziert werden kann. Am offensten tritt die Scheinheiligkeit Costas zutage, als er einen Indio-Darsteller, Daniel, überreden möchte, die Demonstrationen gegen die gestiegenen Wasserpreise zu verlassen. Costas befürchtet, seinem wichtigsten Indio-Darsteller könnte etwas geschehen und das wiederum würde die Dreharbeiten aufhalten. Während des Gesprächs wird er von seinen englischsprachigen Investoren angerufen. Da er Indios pauschal für ungebildet hat, besitzt er keine Hemmungen direkt vor Daniel darüber zu sprechen, dass die Indio sich mit „nur“ zwei Dollars am Tag für „fucking gods“ halten. Blöd nur, dass Daniel mehrere Jahre in den Vereinigten Staaten gearbeitet hat.

Dies ist die vielleicht beste Szene des Films, da sie auf witzige und gleichzeitig erschütternde Art zeigt, mit welcher Geringschätzung die Indios in einer Produktion behandelt werden, die sich doch gegen deren Ausbeutung aussprechen soll. Dem Film gelingt auch im weiteren Verlauf die Gratwanderung zwischen witzig-erschreckend und verharmlosend-übertrieben.

Der Wasserkrieg gerät immer weiter außer Kontrolle und die Spanier geraten selbst immer mehr in Gefahr. Es ist sehr überzeugend, dass ausgerechnet die Schauspieler, die sich zuvor lautstark für das Wohl der Indios eingesetzt haben, die ersten sind, die das Land verlassen wollen. Ausgerechnet der Zyniker aus der Truppe spricht sich dafür aus, zu bleiben, um den Film fertig zu drehen.

Die Vorgehensweise des bolivischen Staates gegen die Demonstranten und vor allem die Rechtfertigung der Gewalt wirken zynisch. Die Indios sind jarhhundertelang ausgebeutet worden, daher seien sie nun so von Misstrauen erfüllt, dass sie Wohltaten (eine 300 prozentige Wasserpreiserhöhung!) nicht mehr erkennen können. Das ist so eine dämliche Begründung, dass man unfreiwillig lachen muss. Das Lachen bleibt selbstverständlich im Halse stecken, wenn man bedenkt, dass der Kampf um die Privatisierung der Wasseranlagen in Bolivien tatsächlich ausgefochten wurde – mit den im Film gelieferten Begründungen.

Natürlich lebt der Film zusätzlich von den vielen Gegensätzen die sich auf tun. Die Demonstranten auf der einen, die Regierungsbeamten auf der anderen Seite. Die bolivischen Statisten auf der einen, die spanischen Schauspieler auf der anderen Seite. Der Film zeigt immer beide Lebenswelten, bei der eine Seite keine Ahnung hat, wie es in der anderen wirklich aussieht.

Der einzige weniger überzeugende Punkt an dem Film ist, dass dem knallharten Costas das Schicksal der Indios plötzlich nicht mehr egal ist und er das Leben eines kleinen Mädchen über dass des Films stellt. Das ist natürlich richtig. Und es sorgt für ein gelungenes Finale. Aber es geht halt doch etwas zu schnell, dass der „harte“ Costas, der zuvor kein Problem damit hatte, Daniel nur temporär von der Polizei auszuleihen, anstatt auf seine dauerhafte Freilassung zu drängen, sich ändert. Dem wird immerhin ein Sebastián entgegengesetzt, der in all dem Elend und vor allem nach der gerade erwähnten Entscheidung, sich Daniel von der Polizei „auszuborgen“, seinen Idealismus verloren hat.

„Even the Rain“ ist ein berührender, dabei doch witziger und oft nachdenklicher Film. Es gelingt ihm, ein ernstes und sehr verstörendes Thema größtenteils beinahe unterhaltsam zu vermitteln. So wird man unterhalten, ist gebannt von der unglaublichen Welt, die sich vor einem auftut und lernt viel. Ein guter Film.

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